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„Deutschland braucht einen Masterplan für das nächste Jahrzehnt“

Ein Gespräch mit Zukunftsforscher Lars Thomsen, Future Matters, über demografische Kipppunkte, Robotik, Immobilienmärkte und viele neue Chancen der Transformation, auch für Investoren.

In der Zukunftsforschung geht’s um Megatrends und Tipping Point, also Punkte, an denen es kein Zurück mehr gibt. Einer dieser Punkte betrifft die Demografie. Wie genau wirkt sich das aus?  
Bisher haben wir uns bei allen Auswirkungen des Demografischen Wandels noch nicht bewusst damit beschäftigt, was es bedeutet, dass es viel weniger junge als alte Menschen in der Gesellschaft gibt. Zum ersten Mal in der Geschichte erleben wir nun, dass die ältere Bevölkerung den größeren Anteil ausmacht. Per se wäre das nicht problematisch, allerdings ruhen sich die Älteren eher aus und wollen nichts mehr anpacken, anders als 20-, 30- oder 40-Jährige. Der Median des Wahlalters in Deutschland liegt inzwischen bei über 55 Jahren. Das bedeutet, es gibt genauso viele Wahlberechtigte über 55 Jahren wie unter 55 Jahren. Was das bedeutet, bekommen wir beispielsweise in der Innovationsbereitschaft der Politik zu spüren. Entscheidungen werden häufiger kurzfristig getroffen, orientieren sich stärker an Sicherung bestehender Besitzstände – und weniger an Investitionen in Transformation, Innovation oder langfristiges Wachstum. 

Was bedeutet das zum Beispiel beim Wohnen und Arbeiten in Städten und im ländlichen Raum?
Wie bei allen Szenarien für die Zukunft sind die Auswirkungen sehr komplex. Auf der einen Seite gibt es die Städte, die aufgrund ihrer Infrastruktur dem Land überlegen sind. Andererseits kostet das Wohnen dort mehr, die Vereinsamung ist größer und gleichzeitig ist es überall überfüllt. Damit stehen die Städte vor anderen Herausforderungen. Paris und Barcelona machen es aber vor und entwickeln ihre Quartiersmodelle. Dabei steht im Mittelpunkt, dass die Stadtteile innerhalb eines 15-Minuten-Radius alles zum Leben bieten, was gebraucht wird. So können die Stadtteile wieder Begegnungsstätte werden, weil man sich auf der Straße treffen kann oder beim Bäcker. Aber viele Menschen im ländlichen Raum wollen lieber dort wohnen bleiben, wo sie sozial verwurzelt sind. Hier könnte die Transformation durch autonome Mobilität einen großen Gewinn bedeuten. Wenn die älteren Menschen mit entsprechenden Shuttles zum Arzt oder zum Einkaufen gebracht werden können. Das schafft Lebensqualität und könnte bedeuten, dass wieder ein Rückzug in ländliche Räume geschieht.

Stichwort autonomes Fahren. Welche Rolle spielt die Robotik in den kommenden zehn Jahren?
Robotik wird nach der KI der nächste exponentielle Megatrend. Wir werden mehr Roboter bauen als Autos. Hier könnte sich Deutschland eine Spitzenposition erarbeiten. Länder wie China oder die USA machen uns vielleicht etwas vor in der Programmierung, aber im Maschinen- und Anlagenbau lange nicht. Deutschland ist prädestiniert für diese Entwicklung, weil wir weltweit führend im Maschinenbau und in präziser Komponentenfertigung sind. Diese Präzision und Qualität in der Massenproduktion ist beim Bau von Robotern, vor allem bei jenen in humanoider Form, dringend notwendig. Die Automobilindustrie sowie ihre Zulieferer könnten ihre Chance ergreifen und hier weltweit eine Vorreiterstellung übernehmen. Robotik ist ein Megatrend in den kommenden zehn Jahren.

Welche weiteren zentralen Megatrends sehen Sie?
Die wichtigsten Trends sind neben der Robotik, eine vertrauenswürdige, gesellschaftsdienliche Künstliche Intelligenz aus Europa, ein verändertes Bildungs- und Lernsystem, eine neue industrielle Produktion, eine veränderte Nahrungsmittelproduktion sowie das Altern in Würde. Alle Megatrends bieten viel Potenzial für Geschäftsideen. Allerdings ist in Deutschland und Europa die Förderung von Start-ups noch nicht optimal. Es braucht dringend eine bessere Finanzierungsinfrastruktur. Im Vergleich zu China und den USA kommen bei uns viele Ideen nicht über das Frühstadium hinaus, weil ihnen sofort das Geld fehlt. Private Equity und Venture Capital könnten und sollten sich auch in diese Richtung stärker engagieren. 

Auf die Klimaveränderungen sind wir noch nicht eingegangen. Wie beeinflusst diese neue Situation unser Leben in den kommenden Jahren? 
Die Kreislaufwirtschaft ist tatsächlich ein weiterer Megatrend. Aber auch die erneuerbaren Energien haben ihre nächste Stufe erreicht und den Tipping Point überschritten. Es ist heute viel günstiger die Energie aus der Sonne und dem Wind zu gewinnen als aus Öl oder Gas. Daher stehen wir vor dem größten Energie-Shift seit Beginn der Industrialisierung. Als Beispiel wieder ein Blick nach China, dorthin hatte mich meine letzte Forschungsreise geführt: Im vergangenen halben Jahr wurden dort 214 GW an neuer Photovoltaik zugebaut und damit mehr Leistung als in Europa in 25 Jahren. In dem Zusammenhang wird die Speichertechnologie einen großen Anteil haben. Auch hier sehen wir eine rasante Entwicklung. Wer erneuerbare Energien heute als „ausentwickelt“ sieht, liegt falsch – wir stehen am Anfang einer neuen Industrieepoche.

Was sehen sich an der deutschen Politik derzeit kritisch im Hinblick auf die Zukunftsfähigkeit des Landes?
Es wird zu kurz gedacht, und es fehlen die Visionen. Politiker sagen gern, die Menschen wüssten schon, was gut und zukunftsfähig für uns alle wäre und wählen entsprechend. Andererseits fordern viele Menschen und Unternehmen von den Politikern einen Plan für die kommenden Jahre, der Wachstum und Wohlstand fördert.
Andererseits gibt es derzeit keinen solchen „Masterplan Deutschland 2035“ , welcher auf der Grundlage eines klaren Verständnisses von Megetrends, Entwicklungen und Chancen eine Vision und Zukunftsbild greifbar und zu einem Teil unseres Diskurses werden lässt. Deutschland braucht aus meiner Sicht dringend einen Masterplan für die Dekade. Dort müssen viele Teilziele vereinbart werden, an denen sich das Bildungssystem, das Sozialsystem, die Infrastrukturen, der Wohnungsbau, die Wirtschaft und die Bürger*innen ein gemeinsames Ziel erkennen – und auf ihre Weise ihren Beitrag dazu leisten können. 
In den vergangenen Jahrzehnten brauchte es diese Vision nicht unbedingt. Deutschland war stark im Export, die Sozialsysteme waren stabil und die Demografie noch kein Problem. Jetzt befinden wir uns nicht nur innenpolitisch, sondern auch europa- und weltweit in anderen Situationen. Gleichzeitig haben wir das Rüstzeug, unsere Stärken auszuspielen und den Wohlstand im Land und in Europa zu erhalten. Wir haben eine einmalige Chance, diese Transformation aktiv zu gestalten. Dafür braucht es Menschen mit Ideen, Veränderungsbereitschaft, aber auch Finanzierungen.

Diese Finanzierungen könnten auch durch Investitionen geschehen, oder?
Ja, für langfristig erfolgreiche Investitionen braucht es Weitblick und das Erkennen von guten Ideen, etwa Windkraft vor 25 oder 30 Jahren. Aber auch in ganz neue Geschäftsmodelle. Wer im Jahr 1997 mit 1.000 US-Dollar amazon-Aktien gekauft hat, ist durch Aktiensplits und die Wertsteigerung heute Millionär. Das ist sicher kein repräsentatives Beispiel, aber es veranschaulicht die Möglichkeiten. Und alle Megatrends bergen solche Möglichkeiten in sich, da sich alle unmittelbar auf Kapitalmärkte, auf Infrastrukturprojekte und auf Immobilienmärkte auswirken. Bei Immobilien wird künftig nicht nur die Lage allein entscheidend sein, sondern das technische und soziale Ökosystem und der öffentliche Raum rundherum. Wer in Infrastruktur, Mobilität und Quartiersqualität investiert, wird outperformen.

Wie sieht demzufolge die Zukunftsformel der Wirtschaft aus?
Wir müssen weg vom klassischen Paradigma „mehr Konsum ist gleich mehr Wachstum“. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Es geht darum, die Produktivität durch KI und Robotik zu nutzen, die Wertschöpfung der Kreislaufwirtschaft zu erschließen und den Wissensvorsprung in andere Länder zu transportieren. Es geht um Technologieexport statt Massenproduktion sowie in die Investition in Lebensqualität.

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